Texte
Text 1. Die Schweiz im Brennpunkt gegensätzlicher Interessen
Nach der Französischen Revolution gerieten auch grosse Teile der schweizerischen Bevölkerung in revolutionäre Stimmung. Sie wünschten sich mehr Mitspracherechte und die Einschränkung der Macht der herrschenden Eliten. Die französischen Truppen, die 1798 in die Schweiz einfielen, traten deshalb als «Befreier» auf. Um diese positive Sicht auf die französische Besetzung der Schweiz zu wahren, betrieben sie eine intensive Propaganda.
Mit Ausnahme von Bern übergaben die Kantone die Macht den französischen Truppen mehr oder weniger kampflos. In der Innerschweiz regte sich zwar Widerstand, doch einzelne Kantone waren militärisch machtlos. Die damalige Schweiz geriet in eine vollständige Abhängigkeit von Frankreich.
Für die Franzosen war die Kontrolle einer direkten Verkehrsverbindung über die Alpen nach Oberitalien von grosser Bedeutung. Dieses sicherten sie sich durch die Besetzung der Schweizer Alpenpässe. Gleichzeitig drängten aus dem Osten österreichische und russische Truppen in die Schweiz, um ihrerseits die Alpenpässe zu kontrollieren und ihren Hauptfeind Frankreich zu schwächen. So kam es, dass österreichisch-russische Truppen und französische Soldaten in der Schweiz aufeinanderprallten.
Text 2. Suworows Alpenüberquerung
In Norditalien kämpfte eine russische Armee unter der Führung von General Suworow gegen die Franzosen und gewann dort viele Schlachten. Suworow erhielt 1799 den Befehl, mit seinen in der italienischen Po-Ebene stationierten Truppen in die Schweiz zu marschieren. In Schaffhausen sollte er mit anderen russischen Truppen zusammenzustossen, um von dort aus gemeinsam die Franzosen aus der Schweiz zu vertreiben.
Dieses Vorhaben gestaltete sich allerdings als äusserst schwierig, denn die Soldaten bekamen auf ihrem Marsch kaum Nahrung, das Wetter war schlecht und die steilen, rutschigen Wege gefährlich. Dazu kamen ständige Angriffe der Franzosen, die versuchten, Suworows Vormarsch zu stoppen.
Suworow begann seinen Marsch über die Alpen mit etwa 21’000 Soldaten. Von Faido aus begann die Truppe den beschwerlichen Aufstieg zum Gotthardpass und kämpfte sich durch Nebel, Schnee und Kälte. Am Gotthard stiessen die erschöpften Russen auf französische Truppen. Erst nach heftigen Kämpfen gelang es Suworows Soldaten, den Marsch fortzusetzen.
Eine besonders herausfordernde Stelle war die Teufelsbrücke, die über eine enge Schlucht mit einem wilden Fluss führte. Auch dort versperrten ihnen die Franzosen den Weg und zerstörten einen Teil der Brücke. Wieder kam es zu einem heftigen Kampf. Unter schwerem Beschuss bauten Suworows Soldaten mit Holz und Seilen eine Notbrücke. Mit viel Mut und Geschick schafften sie es, die Schlucht doch noch zu überqueren und die Franzosen zurückzudrängen.
Suworows dezimierte Truppe marschierte nun weiter Richtung Norden. Im Muotathal erreichte sie eine schlechte Nachricht: Die russischen Truppen in Schaffhausen waren bereits wieder abgezogen. Ausserdem hatten die Franzosen inzwischen viele wichtige Pässe und Wege in der Zentralschweiz besetzt, um den Russen den Weg abzuschneiden. Suworows Truppe war plötzlich von Feinden umzingelt und musste die ursprünglich geplante Route ändern. Es blieb ihnen nur noch die Flucht über den steilen und hohen Panixerpass bei Elm. Auf dem engen, schneebedeckten Weg rutschten viele Soldaten aus und stürzten in die Tiefe. Nach unglaublichen Strapazen brachte Suworow die erschöpften Männer in Sicherheit.
Schlussendlich konnten nur etwa 14’000 Soldaten die Nordschweiz Richtung Österreich und Russland verlassen. Suworow und seine Männer hatten in drei Wochen rund 300 Kilometer und ca. 10’000 Höhenmeter zurückgelegt. Der ursprüngliche Plan, sich mit den anderen russischen Truppen zu verbinden, war allerdings nicht an Suworows Truppe gescheitert. Suworows Alpenzug gilt bis heute als eine der tapfersten und schwierigsten Militäraktionen der Geschichte.
Nachdem General Suworow mit seiner Armee die Schweiz verlassen hatte, blieb das Land unter französischer Kontrolle.
Text 3. Die Helvetische Republik: ein Reformprojekt
Die französische Besetzung veränderte die politische Ordnung der Schweiz radikal und beendete die Alte Eidgenossenschaft endgültig. 1798 wurde in der neuen Hauptstadt Aarau die «Helvetische Republik» ausgerufen. Die Schweiz wurde gebietsmässig anders aufgeteilt und bekam ein neues Wappen. Die Untertanengebiete innerhalb der Eidgenossenschaft und die Vorherrschaft vieler Städte gegenüber ihren umliegenden Landgebieten wurden aufgehoben (z.B. auch in Zürich).
Die Zünfte wurden abgeschafft. Die neu eingeführte Handels- und Gewerbefreiheit ermöglichte es den Bürgern, selbständige Unternehmen zu gründen, was unter dem Regime des früheren Zunftzwangs nicht möglich gewesen war. Auch die Sondersteuer für die Juden wurde abgeschafft. Der Schweizer Franken wurde als Einheitswährung eingeführt und erstmals nahm eine helvetische Staatspost ihren Dienst auf. Durch diese Massnahmen waren wichtige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Wirtschaft in der Schweiz geschaffen worden.
Viele Klöster wurden aufgehoben und Kirchengüter verstaatlicht. 1799 schränkte die helvetische Republik die Prozessionen ein und verbot auf diese Weise die Wallfahrten. Geplant war die Einführung eines kantonalen Schulwesens unabhängig von der Kirche. Viele Bürger der katholischen Regionen sahen sich deshalb ihrer Traditionen und ihrer religiösen Identität beraubt. Besonders in den katholischen Kantonen der Innerschweiz führten diese Anordnungen auf teilweise heftige Ablehnung und Revolten.
Die Staatsform der Helvetischen Republik orientierte sich an den Grundsätzen der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Zum ersten Mal gab es Freiheitsrechte wie z.B. die Meinungsfreiheit, die Religionsfreiheit, das allgemeine Wahlrecht und das Recht auf Privateigentum. Vor dem Gesetz waren nun alle Bürger gleich, unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrem gesellschaftlichen Status. Auch die Folter wurde abgeschafft.
Die Helvetische Republik war zentralistisch ausgerichtet: Das bedeutete, dass die Kantone weniger eigene Befugnisse hatten als früher und die wichtigen Entscheidungen für das ganze Land in der Hauptstadt gefällt wurden. Insbesondere die wirtschaftlich stärkeren Gebiete befürworteten einen zentralistischen Einheitsstaat, die katholischen Innerschweizer hingegen forderten mehr Selbstbestimmung für die Kantone.
Viele Schweizer begrüssten die Reformen der Helvetischen Republik und feierten die neuen Errungenschaften mit sogenannte «Freiheitsbäumen», die als Symbol für Freiheit und Rechtsgleichheit galten. Diese Bäume oder Pfähle wurden mit bunten Bändern, Schildern oder einer Mütze an der Spitze geschmückt und auf Dorfplätzen oder vor öffentlichen Gebäuden aufgestellt oder gepflanzt.
Text 4. Die Schattenseiten der Helvetischen Republik
Nicht alle Schweizer waren von der neuen Ordnung überzeugt. Ein zunehmend grösserer Teil der Bevölkerung war enttäuscht, dass viele versprochenen, oft überstürzt eingeführten Reformen nur auf dem Papier standen, und nicht, oder mangelhaft umgesetzt wurden.
Raub des Staatschatzes
Die Franzosen brachten nicht nur demokratischere Verhältnisse in die Schweiz, sondern plünderten systematisch die gut gefüllten Staatskassen einiger Kantone und nahmen diese mit nach Paris. Damit finanzierten sie Napoleons Kriegszüge. So musste beispielsweise die Stadt Zürich ihre gesamten Gold- und Silberreserven als “Kriegsentschädigung” an die französischen Besatzer übergeben. Schätzungen zufolge erbeuteten die Franzosen mehrere Millionen Gulden – ein enormer Betrag für die damalige Zeit.
Einquartierung französischer Soldaten
Die Soldaten der französischen Truppen wurden in Städten und Dörfern einquartiert. Deren Bewohner wurden gezwungen, Unterkunft, Verpflegung und oft auch Kleidung für die Soldaten bereitstellen. Dies führte zu enormen finanziellen Schwierigkeiten und Belastungen. Es kam deshalb zu Spannungen zwischen der lokalen Bevölkerung und den Besatzungstruppen. Auch in Mettmenstetten wurden französische Truppen einquartiert, unter anderem im Gasthaus «Weisses Rössli». Die Soldaten beanspruchten das ganze Gebäude und die umliegenden Ressourcen, was bei den Dorfbewohnern Unmut auslöste.
Es kam auch zu Plünderungen und Beschlagnahmungen von Vorräten durch die französischen Besatzer.
Die Kosten für die französischen Besatzungstruppen, der Raub des Staatsschatzes und die hohen Steuern belasteten die Schweiz stark, was zu einer Wirtschaftskrise führte. Der Alltag unter der Besatzung war geprägt von Entbehrungen und Konflikten.
Zunehmender Verdruss und Widerstand
Die negativen Erfahrungen überdeckten vielerorts die positiven Errungenschaften der Helvetischen Republik und führten dazu, dass immer grössere Teile der Bevölkerung desillusioniert waren. Wer sich jedoch gegen die neue Regierung stellte, wurde mit Gewalt unterdrückt – oft durch französische in der Schweiz stationierte Truppen.
Schließlich zog Frankreich seine Soldaten in der Schweiz ab. Die Helvetische Republik wurde nach dem sogenannten Stecklikrieg gestürzt und 1803 aufgelöst.









